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MEDIENBERICHTE

10. 08. 2017 | PRESSE

Der abnormalste Ölkonzern der Welt

Russland. Er hat Finanzreserven wie kein Zweiter in der Branche. Aber was macht und will Russlands drittgrößter Ölkonzern mit den Abermilliarden, die auf Konten herumliegen? Warum kauft Surgutneftegaz nicht zu? Und wem gehört er eigentlich?

Von Eduard Steiner

Wien. Es war ein Teil des Who's who russischer Konzerne, das sich im April in einem Brief an Kreml-Chef Wladimir Putin wandte. Die Gesetzeslage, so die Unterzeichner, sei nämlich so, dass sie nicht zwischen Kleinaktionären und strategischen Investoren unterscheide und beiden gleichen Zugang zu Firmeninformationen gestatte. Man sei dadurch nicht vor Missbrauch geschützt.

Inzwischen wurden die Rechte der Minderheitsaktionäre tatsächlich beschränkt. Und das wird vor allem Surgutneftegaz, dessen Chef Wladimir Bogdanow den Brief ebenfalls unterzeichnet hat, freuen. Schließlich hat der drittgrößte Ölkonzern im Land eine ganz wichtige Information zu schützen, und zwar, wem das Unternehmen denn eigentlich gehört.

Das Geheimnis

Wie ein Augapfel wird das Geheimnis seit vielen Jahren gehütet. Immer wieder wurde selbst von höchsten Stellen beteuert, dass das Gros der Anteile bei Mitarbeitern und Bogdanow selbst liege. Aber die Eigentümerstruktur wurde hinter einem verschachtelten Netz von 23 Firmen verhüllt, deren Finanzinvestitionen sich direkt proportional zur Marktkapitalisierung von Surgutneftegaz veränderten, wie russische Medien vor Jahren eruierten.

Bogdanow hat das nie bestätigt. So hält sich denn auch hartnäckig das Gerücht, dass Putins Umgebung und möglicherweise er selbst vom Konzern fürstlich bedient werden. Immerhin fällt auf, dass gerade Surgutneftegaz nie Schwierigkeiten mit staatlichen Behörden bekommen hat, während das bei anderen Firmen gang und gäbe ist.

Ist dieses Geheimnis schon sensationell genug, so hat Surgutneftegaz mit noch einem mindestens so großen aufzuwarten. Ins Auge nämlich springt, dass der Konzern, der über elf Prozent der russischen Ölförderung und sieben Prozent der Ölverarbeitung deckt, im Geld nahezu ertrinkt.

Die Sensation

Kein zweites Unternehmen im Land und kein zweites Branchenunternehmen weltweit sitzt auf derart vielen liquiden Mitteln wie Surgutneftegaz. Mit Ende Juni waren es 2,157 Billionen Rubel (30,5 Mrd. Euro). Damit nicht genug, hortet Bogdanow, der die Leitung des Konzerns bereits zu Zeiten der Perestroika 1984 übernommen und nach dessen Privatisierung 1993 beibehalten hat, das Geld ganz einfach auf Devisenkonten.

So kommt es, dass Surgutneftegaz aufgrund des angestiegenen Rubelkurses im Vorjahr zum ersten Mal seit Langem einen Verlust erwirtschaftete, und zwar 104,76 Mrd. Rubel (nach aktuellem Wechselkurs 1,48 Mrd. Euro). Inzwischen hat er wieder ins Plus gedreht. Allgemein gilt: Bei Surgutneftegaz mit seinen über 114.000 Mitarbeitern hat der Rubelwechselkurs eine größere Auswirkung auf das Ergebnis als der Ölpreis.

Blieb der heute 66-jährige Bogdanow, der laut "Forbes"-Magazin ein Vermögen von 1,64 Mrd. Dollar besitzt und "sibirischer Einsiedler" genannt wird, weil er die westsibirische und konzernnamensgebende Ölstadt Surgut nur ungern verlässt, alle Jahre über seiner notorischen Sparsamkeit treu, so auch sein Unternehmen der Tradition, eine Dividende auszuschütten. Selbst angesichts der Verluste wurden kürzlich 26,6 Mrd. Rubel als Dividendenzahlung für 2016 beschlossen. Gerade die Dividendenzahlung war immer ein Grund für die Beliebtheit der Vorzugsaktie gewesen.

Kopfschütteln unter Beobachtern ruft hingegen hervor, warum der Konzern seine Milliardenreserven nicht etwa für Zukäufe nutzt. So hat er bei den jüngsten Privatisierungen im Land nicht einmal mitgeboten, obwohl der Staat dringend Geld gebraucht hat und Bogdanow ja als dem Kreml gegenüber absolut loyal gilt. Der Manager winkte - wohl mit Putins Segen - ab und blieb damit seiner Strategie treu, kaum zu akquirieren und sich mit der Entwicklung der eigenen Felder zu begnügen.

Bei diesen kann Bogdanow darauf verweisen, dass er den landesweit höchsten Oil Recovery Factor hat (beschreibt den Anteil eines Rohstoffes, der aus einer Lagerstätte gewonnen werden kann, in Relation zum gesamten Rohstoffinhalt der Lagerstätte). Bei einzelnen Lagerstätten soll der Faktor 0,58 bis 0,68 erreichen, während er im Landesschnitt nicht über 0,27 steige, wie Kirill Molodzov, stellvertretender Energieminister, vor eineinhalb Jahren einmal erklärt hat.

Nur keine Abenteuer

Gewiss, auch Surgutneftegaz ist nicht sorgenfrei. Konkret steht das Unternehmen wie seine Konkurrenten vor dem Problem, dass die Lagerstätten in Westsibirien zur Neige gehen. Seit Jahren hält sich die Förderung von Surgutneftegaz daher auf einem stabilen Niveau von gut 61 Mio. Tonnen pro Jahr. Daran dürfte sich laut Bogdanow auch nicht so schnell etwas ändern. Ja, man plane, in den kommenden fünf Jahren 19 neue Lagerstätten in Betrieb zu nehmen. Vor allem aber ziele man auf eine Erhöhung des Oil Recovery Factor.

Um große Expansion geht es ihm also offenbar nicht. Man sei auch mit dem Ölpreis von 50 Dollar je Barrel zufrieden, heißt es. Lieber Stabilität als große Abenteuer also, sagt sich Bogdanow. Putin, sonst recht ruppig mit den russischen Wirtschaftskapitänen, hat ihn dafür nie auch nur ansatzweise kritisiert. Im Juli wurde Bogdanow mit dem Staatspreis für Wissenschaft und Technologie ausgezeichnet.


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