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MEDIENBERICHTE

17. 06. 2017 | SN

Der neue Nahversorger heißt Automat

Automaten sind ein alter Hut? In der mobilen Rund-um-die-Uhr-Gesellschaft sind sie ein Megatrend mit neuen Inhalten.

Karin Zauner Birgitta Schörghofer Salzburg. Sie wirken wie Überbleibsel aus vergangenen Zeiten, und doch zählen sie zu den aktuellen Megatrends: Automaten. Waren sie früher mit Zigaretten, Kaugummis, Getränken und haltbaren Snacks gefüllt, sind es heute immer öfter frische Waren wie Steaks vom örtlichen Metzger oder auch selbst gemachtes Chili vom kleinen Laden. Das Comeback der Automatenkultur ist unserer 24/7-Gesellschaft geschuldet. Denn die Self-Service-Anlagen verkaufen rund um die Uhr, ohne Personalkosten und unabhängig von Arbeitszeitregelungen.

Das war auch der Grund, warum Katharina Brandstätter aus Grödig vor einem Monat einen Automaten für ihre selbst gemachten Produkte beziehungsweise für Selbstgemachtes von anderen regionalen Produzenten aufgestellt hat. Brandstätter hat ihren „Leckerbissen“-Laden im Oktober des Vorjahres in Grödig bei Salzburg eröffnet. Sie verarbeitet im Geschäft regionale und saisonale Produkte zu Säften, Chutneys, Keksen oder Senf.

Dazu findet man bei der Jungunternehmerin Produkte anderer kleiner regionaler Hersteller, die mit der gleichen Philosophie arbeiten. Manches ist bio, aber nicht alles. „Jedenfalls ist keine Supermarktware dabei“, sagt Brandstätter. Das Saisonale, Regionale und die Frische seien ihr wichtiger.

Die Mutter von drei Kindern entspricht mit Öffnungszeiten von 9 bis 12 und 15 bis 18 Uhr von Montag bis Freitag nicht den Vorstellungen einer Gesellschaft, die 24 Stunden, sieben Tage die Woche pulsiert. Doch mit drei Kindern seien längere Öffnungszeiten nicht drinnen, sagt die Einzelkämpferin. „Darum habe ich mich entschlossen, einen Automaten aufzustellen und ihn mit meiner Ware zu befüllen.“ Die Preise sind gleich wie im Geschäft.

Lust auf selbst gemachtes Sugo mit Spaghetti um 24 Uhr oder Chili Sonntagabend? In Grödig kein Problem. Das holt man sich gekühlt aus dem „Leckerbissen“-Automaten. Das Feld der Automaten hatte in der Vergangenheit übrigens schon Brandstätters Schwiegervater am Standort aufgerollt. Denn er hatte vor seinem früheren Greißler-Geschäft viele Jahre auch einen Getränke- und Snackautomaten alter Schule stehen. „Das Lustige war, dass die Leute auch beim Automaten kauften, wenn das Geschäft offen war“, erzählt Brandstätter und hat ihre persönliche Erklärung dafür. „Ich glaube, das hat mit Psychologie zu tun. Die Menschen mögen diesen Vorgang, Geld einzuwerfen, und dann kommt etwas heraus, das hat doch etwas Spielerisches.“

Das würde auch erklären, warum die Japaner, die Verspieltes ja besonders schätzen, mit Automaten übersät sind. Dort kommt im Durchschnitt auf 24 Einwohner ein Automat. Und die Japaner sind dabei schon ein Stückerl weiter als hierzulande. Dort können die Kunden nicht nur gekühlte frische Speisen, sondern auch heißes frisches Essen aus dem Automaten holen.

Warum sich Katharina Brandstätter selbstständig gemacht hat, erklärt die Hotelierstochter und Kleßheim-Absolventin so: „Wer sich mit drei Kindern bewirbt, hat nicht so viele Chancen. Und vom elterlichen Betrieb her bin ich gewohnt, Entscheidungen zu treffen.“

Die neue Vending-Kultur befriedigt mit neuen Konzepten das gestiegene Bedürfnis nach Bequemlichkeit, Frische sowie Qualität. Automatenlösungen werden immer spezieller, je nach Standort und Bedürfnis. Das bedeutet nicht nur für Betreiber von Automaten und ihre Lieferanten boomende Geschäfte, sondern auch für Automatenhersteller und Automatenhändler.

Der Handelsbetrieb Bischof aus Hohenems, österreichischer Generalimporteur des spanischen Automatenherstellers Jofemar, verkauft mittlerweile rund 150 Frischware-Automaten pro Jahr. Vor vier Jahren seien es noch zehn gewesen, sagt Betriebschef Andreas Bischof. Vor allem Selbstvermarkter und Landwirte setzten zunehmend auf diese neue Art des Verkaufs. Viele Betriebe hätten ihre Umsätze seither verdoppelt bis verdreifacht. In Vorarlberg betreibe fast jede Sennerei auch einen Käse-Automaten, „damit sind sie von den Öffnungszeiten unabhängig“. Für Landwirte hat es den Vorteil, dass sie nicht ständig daheim sein oder auf Vertrauensbasis eine Handkassa aufstellen müssten, um ihre Ware ab Hof verkaufen zu können. „Auch viele Kunden fühlen sich am Automaten als ehrliche Zahler wohler“, sagt Bischof.

Im Frischware-Bereich sind seine Geräte zu 99 Prozent als Bargeldautomaten mit Münzen und Scheinen bis 20 Euro und Wechselgeldfunktion ausgerüstet. Kartenautomaten zahlten sich wegen der hohen Transaktionskosten für Artikel im Drei- bis Zehn-Euro-Bereich nicht aus, meint Bischof.

In Europa bevorzugen Konsumenten je nach Land unterschiedliche Bezahlsysteme bei Automaten. Die Varianten reichen von Barzahlung bis zum bargeldlosen Zahlen. Im öffentlichen Bereich stellt der Automatenverpfleger Selecta eine Tendenz in Richtung kontaktloses Zahlen (NFC) fest, das man allerdings zusätzlich zu den altbewährten Münzen anbietet.

Bei Bischofs Automaten können mit einer Zahlungseinheit bis zu vier Automaten gesteuert werden. Apropos steuern: Laufender Sortimentswechsel sei kein Problem, erklärt der Automatenanbieter. Jede Schublade könne je nach Artikelgröße vom Betreiber selbst konfiguriert werden, „das reicht bis zum Zwei-Kilo-Kartoffelsack“. Um 13.000 Euro bekomme man schon einen recht gut ausgestatteten Automaten samt Kühlung, Münzwechsler, Frostschutz und UV-Schutzfolie. „Auf Wunsch machen wir auch das Branding und bekleben den Automaten.“

Der Schweizer Konzern Selecta ist mit einem Umsatz von rund 736 Millionen Euro und etwa 4000 Mitarbeitern ein führender Anbieter von Automatenverpflegung und Kaffeedienstleistungen in Europa. In Österreich ist Selecta seit mehr als 23 Jahren tätig. Geschäftsführerin Manuela Zimmermann konnte bereits in ihrem ersten Jahr an der Spitze (seit 2014) den Gewinn vor Zinsen, Steuern und Abschreibungen um 30 Prozent steigern. Auch 2016 wurde erneut zugelegt, heißt es. „Die Produktvielfalt hat sich in den letzten Jahren enorm entwickelt“, sagt Julia Schuh, Sprecherin bei Selecta Österreich. Und Frische punktet mittlerweile auch im klassischen Automatensektor Kaffee. Es gebe eine klare Tendenz zu frisch gemahlenem Bohnenkaffee aus dem Automaten – am Arbeitsplatz und auch unterwegs, sagt Schuh. „85 Prozent unserer Automaten sind Bohnenautomaten. Instant wird nur verwendet, wo es aus operativen Gründen sinnvoller ist.“ Da immer mehr Unternehmen auf Arbeitgebermarkenbildung setzen, ist es für Selecta immer wichtiger, individuell anpassbare Konzepte anzubieten. Im Frische-Sektor arbeitet man an neuen Produkten, will darüber aber noch nicht sprechen.

Für den Salzburger Feinkostfleischer Stefan Auernig hat sich die Investition in einen Kühlautomaten mittlerweile jedenfalls rentiert. „An Grillwochenenden stehen die Leute Schlange“, sagt Auernig. Rund 14.000 Euro netto hat der 24-Stunden-„Steak away“-Automat gekostet, seit knapp zwei Jahren ist er neben dem Hauptgeschäft in Hallwang in Betrieb. In der kühleren Jahreszeit können Kunden hier rund um die Uhr frisches Schnitzelfleisch und Aufschnitt, aber auch fertige Gerichte aus dem Glas wie Rindsgulasch, Sugo, Beuschel oder Lasagne zum Aufbacken kaufen.

Im Sommer ist der Automat mit allem bestückt, was man für die spontane Grillparty braucht, dazu gehören nicht nur Steaks und verschiedene Würste, sondern auch Extras wie Grillgemüse, Maiskolben, Kräuterbutter und Saucen sowie Halloumi- und Schafskäsespieße. „Der Automat ist derzeit voll ausgelastet“, sagt Auernig. An den Wochenenden sei eine Person den ganzen Tag über mit dem Auffüllen beschäftigt. „Würden wir das nicht tun, wären wir am Samstag um drei Uhr am Nachmittag leer.“

Der Zusatzservice kostet freilich. Die Ware aus dem Automaten ist um sieben bis neun Prozent teurer als im Geschäft. Die Kunden zahlen es offenbar gern. Nächstes Frühjahr will Auernig daher in einen weiteren Automaten investieren.


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