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MEDIENBERICHTE

21. 04. 2017 | PRESSE

Wie man Bargeld friktionsfrei abschafft

Geld. Der IWF rät den Staaten, Bargeld schleichend aus dem Verkehr zu ziehen, um die Leute nicht zu beunruhigen. Die in einem Working Paper dargelegten Strategien laufen darauf hinaus, Bargeldzahlungen zu verteuern und zu erschweren.

Bargeld ist ein Auslaufmodell, bald schon werden wir nur noch per Karte, Mobiltelefon etc. bezahlen - und damit ein zu 100 Prozent transparentes Ausgabenprofil vorweisen und Banken, Nationalbanken und Staaten monetär völlig ausgeliefert sein: Ist das eine reelle Prognose oder, wie man uns manchmal zu beruhigen versucht, nur eine Art Verschwörungstheorie?

Die Antwort darauf liefert der internationale Währungsfonds, der neulich ein hierzulande viel zu wenig beachtetes Arbeitspapier über "The Macroeconomics of De-Cashing" (also die Makroökonomie der Bargeldabschaffung) herausgebracht hat, das es in sich hat - und ganz konkrete Handlungsanweisungen für Regierungen zur Bargeldabschaffung enthält.

Vorweg: Der IWF betont, dass seine Working Papers nicht unbedingt die Meinung der Organisation widerspiegeln, sondern nur als Diskussionsbeitrag zu verstehen seien. Aber der Text ist auf der Website prominent platziert, und der Autor Alexei Kireyew ist IWF-Angestellter und gehört dem engeren Beratungsgremium der IWF-Führung an. Also werden seine Ansichten und Ratschläge nicht so weit von der offiziellen IWF-Position entfernt sein.

Diese Ratschläge haben es in sich: Kireyew rät den Staaten, die vom Bargeld wegkommen wollen (also etwa den USA und den meisten EU-Ländern), Scheine und Münzen nicht schlagartig "per Dekret" aus dem Verkehr zu ziehen. Das würde nur zu unnötiger Unruhe in der Bevölkerung führen, denn speziell in Europa (und hier vor allem in Deutschland und Österreich) unterschreiben noch deutlich mehr als die Hälfte der Bevölkerung den Slogan "nur Bares ist Wahres". Das gehe, klagt der Experte, so weit, dass viele den Besitz von Bargeld als eine Art Menschenrecht ansehen würden.

Man solle lieber schrittweise vorgehen und das Bargeld schleichend verschwinden lassen. Als ersten Schritt empfiehlt der IWF-Experte die Abschaffung großer Banknoten, danach die Einführung von Obergrenzen für Barzahlungen und harte Deklarierungspflichten beim Bargeldtransport über Grenzen. Danach solle man das Finanzsystem zügig weiter computerisieren, elektronische Zahlsysteme vereinfachen und - jetzt kommt's - "ökonomische Anreize" für bargeldloses Zahlen setzen. Anders gesagt: Zu den schon vielfach bestehenden Gebühren für Barabhebungen auch noch Gebühren für Barzahlungen einführen. Staaten sollten also versuchen, bockige Barzahler aus dem Cash-System hinauszuschikanieren.

Sieht man sich die einzelnen Punkte an, erkennt man: Dieser Prozess ist längst in Gang. Die Abschaffung großer Banknoten steht weltweit bevor. Auch die EZB würde gerne die Fünf- und Zweihunderter aus dem Verkehr ziehen. Nach Ansicht des IWF-Experten sollten Banknoten bis höchstens 50 Euro Nominalwert übrig bleiben. Und Barzahlungsobergrenzen existieren in zwölf der 28 EU-Länder. Über eine eurozonenweite Begrenzung der Barzahlungen auf maximal 5000 Euro wird gerade ernsthaft diskutiert.

Man sieht, so theoretisch ist die bargeldlose Gesellschaft nicht mehr. Sie ist für finanzklamme Regierungen aber auch zu verlockend: Der Bürger wird in seinem Einnahmen- und Ausgabenprofil vollkommen gläsern, Steuerhinterziehung wird extrem erschwert, die Kapitalausstattung der Banken verbessert sich, wenn niemand mehr privat Bargeld horten kann. Und: Notenbanken können ihre Negativzinspolitik zur Stützung pleitebedrohter Schuldenstaaten ins Endlose ziehen, wenn niemand mehr sein Geld vor Negativzinsen durch simple Bargeldbehebung in Sicherheit bringen kann. Kireyew meint, "De-Cashing" sei "kritisch für die Effizienz" einer Negativzinsstrategie.

Bei so vielen Vorteilen für Staaten und Banken (auf Kosten der Bürger) ist es nicht verwunderlich, dass im Hintergrund offenbar schon sehr intensiv an der mittelfristig weitgehenden Bargeldbeseitigung gearbeitet wird. Zumal ja auch andere politische Wunschvorstellungen (etwa der vor ein paar Jahren ebenfalls in einem IWF-Arbeitspapier angeregte umfassende Vermögensschnitt zwecks Abbau der Staatsverschuldung oder die umfassende Heranziehung von privaten Sparvermögen bei Bankpleiten) viel besser funktionieren, wenn niemand mehr per Bargeldbehebung einfach aus dem System flüchten kann. Dass damit Private in Geiselhaft für staatliche Verschwendung genommen werden und insgesamt ein große Stück Freiheit draufgeht, ist da wohl ein Kollateralschaden.

Jedenfalls sollten wir auf der Hut sein. Es ist keine Frage, dass elektronische Zahlsysteme deutlich an Bedeutung gewinnen werden. Aber Bargeld ist eine Art Rettungsanker in allerletzter Not. Gegen eine Totalabschaffung mit windigen Argumenten (beispielsweise Kampf gegen Kriminalität) sollten wir uns entschlossen wehren. Die totale Auslieferung an Staat und Finanzwirtschaft würden wir nämlich sehr bald sehr intensiv bereuen. Spätestens dann, wenn die totale Macht über unsere Finanzen in die falschen Hände fällt.

E-Mails an: josef.urschitz@diepresse.com


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